Auf eigenen Wegen
Auch wenn Crysis innovativ und sehr spannend inszeniert ist, sticht einem zunächst einmal ins Auge was für eine Grafikbombe das Spiel eigentlich ist. Nicht nur war es zum Release-Zeitpunkt vor dreieinhalb Jahren jenseits von gut und böse was sowohl die optische Darstellung als auch die Hardware-Anforderungen angeht. Auch heute noch konnte das Spiel die Redaktion als Grafikbrett beeindrucken. Das liegt nicht nur an den wunderschön gestalteten Landschaften und den beeindruckend eingesetzten Grafikeffekten. Insbesondere die Gesichtsdarstellung sucht auch heute noch ernstzunehmenden Konkurrenten. Seit Half-Life 2 hat der Autor dieses Textes keinen gleichermaßen beeindruckenden Fortschritt in diesen Bereich gesehen.
Irgendwie amüsant aber Zeichen fehlender Optimierung ist die geringe Framerate, die Crysis spätestens ab der Hälfte viel zu häufig liefert. Das bei Erscheinen 2007 als teilsweise unspielbar verschrieene Spiel schafft es auch nach den zwischenzeitlichen Patches nicht durchgehend flüssig auf unserem 2008er Mittelklasse-Spiele-PC zu laufen. Und das obwohl etliche Effekteinstellungen schon nach unten korrigiert wurden. Dass es sogar mit besserer Darstellung flüssiger geht, zeigt ausgerechnet die die Fortsetzung aus demselben Hause. Crysis 1 bleibt einfach irgendwie eine Ruckelorgie, die es aber schafft, dass man trotzdem dabei bleiben will. Ebenfalls nicht schön ist, dass es nach den Jahren immer noch selten abstürzt und, noch schlimmer, korrupte Savegames produziert, die das Startmenü zum Einfrieren bringen. Crytek, Produktpflege geht heute etwas besser, siehe Blizzard!
Was Crysis unter Anderem einzigartig macht ist sein ganz besonderes Spielgefühl im Genre der Shooter. Das fällt zwar in der ersten Hälfte deutlich der Ursprung von FarCry zurück, aber es ist einfach ein angenehmer Stil, wenn man auch mal mehrere Minuten durch die Pampa stapfen kann, ohne dass man in strenglinearen Schlauchlevels alle paar Sekunden mit Skripten beworfen wird, wie man es derzeit viel zu häufig bei der Konkurrenz sieht. Es ist einfach wunderbar, dass es möglich ist das nächste Ziel auch mal auf nicht vorgegebenen Wegen zu erreichen, auch wenn das heißt, dass man jetzt nicht unbedingt an jedem kleinem Fußsoldaten vorbei muss. Das kann natürlich auch Schattenseiten haben, wenn man z.B. tödliche Panzer besiegen muss und gerade noch nicht den Aufbewahrungsort für die passenden Sprengmittel gefunden hat. Aber diesen Preis der Gameplay-Freiheit sollte man doch bereit sein zu zahlen.
Beim cleveren Angriff wird man natürlich kräftig durch die Möglichkeiten des Wunderkampfanzugs Nanosuit unterstützt. Wenn auch einige seiner Modi eher selten Sinn machen und die Steuerung dieser in Crysis 1 noch eher sperrig ausfällt, ist dieses Element doch eine willkommene Abwechslung in Shooter-Gameplay. Nicht zuletzt stellt der Anzug mal einen Ansatz einer sinnvollen Erklärung der Over-Top-Action heutiger Spiele dar. Auch mit den Waffen hat der Spieler dieselbe Freiheit in ihren Einsatzmöglichkeiten. Vom Laserpointer, über Zoomvisiere bis zum Schalldämpfer ist alles dabei und frei konfigurierbar. So verliert man auch ungern sein gepimptes Schießeisen. Spielzeug wird Nachtgeräte gibt es als Sahnestück natürlich sowieso. Nicht ganz so sinnvoll ist der Einsatz der Fahrzeuge gelungen. Diese sind zwar physikalisch wunderbar simuliert und mit Geschützen bewaffnet, aber ihr Einsatz lohnt wegen der Geländetopologie und Straßensituation selten länger als ein, zwei Minuten. Als Kampfgefährt sind sie obendrein zu schwach, nur als brennendes Geschoss gegen Posten lohnen sie sich selten mal einen spaßigen Moment lang. Eine spätere Flugmission macht hingegen trotz komplexerer Steuerung relativ viel Gaudi.
Crysis ist als Shooter wirklich wenig vorzuwerfen. Die Länge passt und die Action lässt einen oft genug die Kinnlade runterklappen. Wirklich selten hat man einige wenige zähe Abschnitte oder wundert sich zum Beispiel durchs Alienlager. Das Backtraking durch schon gespielte Abschnitte ist de facto bis auf die letzte Mission nicht vorhanden und auch der Schwierigkeitsgrad ist für erfahrene Gamer angenehm fordernd. Nur gegen Schluss tendieren einzelne Areale dazu bockschwer zu werden, bleiben dabei aber dennoch immer lösbar.